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Lange Zeit wurden emotionale und kognitive Prozesse als voneinander unabhängige Aspekte menschlicher Erfahrung betrachtet. Inzwischen wurde anerkannt, dass diese im Zusammenhang stehen und das Interesse an diesem Zusammenspiel steigt. Dennoch wurde dieses bisher unzureichend erforscht und in der Didaktik berücksichtigt. Dabei gibt es Weiterbildungen, in denen emotional potentiell belastende Inhalte vermittelt werden. Das betrifft unter anderem Weiterbildungen des Sozialwesens, wenn es etwa um Kindeswohlgefährdung oder Trauma geht. Aber wie kann die emotionale Beanspruchung von Lernenden im digitalen Raum berücksichtigt werden? Und wie können Lernende darin unterstützt werden, mit potentiell emotional belastenden Lerninhalten umzugehen, insbesondere wenn es sich um Online-Kurse handelt?
Das Zusammenspiel von Emotionen und Lernen
Wenn in der Forschung Emotionen im Zusammenhang mit Lernen thematisiert werden, dann geht es meistens um die sogenannten „leistungsbezogenen“ Emotionen. Dabei wird häufig auf Pekruns Kontroll-Wert-Theorie der Leistungsemotionen (Control-Value Theory of Achievement Emotions) Bezug genommen (vgl. Pekrun, 2006). In dieser Theorie wird davon ausgegangen, dass sich negative Emotionen wie beispielweise Langeweile oder Hoffnungslosigkeit hinderlich auf den Lernprozess auswirken können und positive Emotionen wie Neugierde oder Lernfreude den Lernprozess fördern (vgl. Pekrun, 2018). Das ist einleuchtend: Wenn ich glaube, dass ich den Lerninhalt sowieso nicht verstehen werde, sinkt auch meine Motivation, mich damit auseinanderzusetzen. Mit sinkender Motivation schweifen die Gedanken ab, die Aufmerksamkeit wird auf etwas anderes gelenkt und die kognitiven Ressourcen, die eigentlich zum Lernen nötig wären, werden für andere Aktivitäten verbraucht. Wenn mich der Lerninhalt aber interessiert und ich davon ausgehen kann, dass ein guter Abschluss der Weiterbildung sich auch noch vorteilhaft auf meine Karriere auswirken könnte, dann fällt es mir leichter, mich auf das Lernen zu fokussieren. Womöglich sogar so gut, dass ich während des Lernens die Zeit ganz vergesse.
Das Zusammenspiel von Emotionen und Lernen ist aber natürlich komplexer: auch negative Emotionen können aktivierend wirken und die Lernmotivation erhöhen, wenn dadurch Misserfolge vermieden werden sollen (vgl. ebd.). So strenge ich mich z. B. beim Lernen mehr an, wenn ich Angst habe, eine Prüfung nicht zu bestehen.
Umgang mit Emotionen in Weiterbildungen des Sozialwesens
Themenbezogene Emotionen sind in Aus- und Weiterbildungen im Sozialwesen besonders relevant. Hier müssen sich Lernende mit emotional aufwühlenden und potentiell verstörenden Inhalten auseinandersetzen (z. B. Kindeswohlgefährdung, Trauma und Gewalt). Das kann Emotionen wie Wut, Stress oder Angst hervorrufen. Auch die Konfrontation mit eigenen Vorurteilen oder neuen Perspektiven kann zu negativen Emotionen bei Lernenden führen (vgl. Zembylas et al., 2008). Zugleich ist die Auseinandersetzung mit negativen Gefühlen spätestens in der Berufspraxis des Sozialwesens unumgänglich, wenn man etwa mit einer potentiellen Kindeswohlgefährdung oder dem aggressiven Verhalten von Adressat:innen konfrontiert ist.
Studien im Feld der Sozialen Arbeit zeigen, dass ein ungünstiger Umgang mit den eigenen Emotionen und fehlende Abgrenzungs- und Entlastungsmöglichkeiten zu emotionaler Erschöpfung und sogar zum Burn-Out führen können (Elsässer & Sauer, 2013; Nüsken, 2020).
Ersichtlich wird das bei Betrachtung einer Statistik der Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer Burn-out-Erkrankung von AOK-Mitgliedern: zu den am häufigsten betroffenen Berufsfeldern gehören solche mit hoher sozialer Interaktion wie beispielweise in der Sozial- und Sonderpädagogik oder in der Pflege (Meyer, Wing & Schenkel, 2022). Strategien zum Umgang mit emotionalen Belastungen zu vermitteln, wird daher an mehreren Stellen bereits in der Ausbildung bzw. im Studium empfohlen (vgl. Wendt, Tuckey & Prosser, 2011; Bogo, et al., 2016; Collins 2008). Zudem ist ein professioneller Umgang mit den eigenen Emotionen nicht nur für die eigene Gesundheit und das eigene Wohlergehen wichtig, sondern ebenfalls für die Berufspraxis (vgl. z. B. Morrison, 2007). Um mit den Emotionen eines verzweifelten oder aggressiven Gegenübers umgehen zu können, müssen zunächst die eigenen Emotionen reflektiert und reguliert werden können.
Wahrnehmung und Interaktion im digitalen Raum
Mit der zunehmenden Digitalisierung von Schulungen ergibt sich im Sozialwesen die besondere Herausforderung, emotional aufwühlende Themen digital zu vermitteln. In Online-Veranstaltungen ist es augenscheinlich schwer, auf Emotionen der Lernenden auf gleiche Weise zu reagieren, wie in einer Präsenzschulung. Daher stellt sich die Frage, ob analog zum Präsenzunterricht die emotionalen Zustände der Lernenden im digitalen Raum erkannt und berücksichtigt werden können.
Während im Präsenzunterricht Lehrende die Reaktionen der Lernenden auf die Schulungsinhalte wahrnehmen können, ist das bei der digitalen Lehre nicht in gleicher Weise möglich. Auch in Online-Videokonferenzen, in denen wir zumindest die Gesichter der anderen Teilnehmenden sehen können (sofern sie ihre Kamera eingeschaltet haben), sind die Möglichkeiten der Wahrnehmung nicht dieselben wie in Präsenzveranstaltungen (vgl. Dinkelaker, 2021). Wir sehen zwar, ob jemand auf seinen Bildschirm schaut oder nicht. Aber worauf genau die Anwesenden ihre Aufmerksamkeit gerichtet haben, können wir nicht erkennen. Dadurch ist es nicht im gleichen Maße möglich, die Reaktionen der Lernenden und ihren Lernprozess zu erfassen (vgl. ebd.). Zudem unterscheidet sich die Interaktion in Video-Konferenzen, da kein gleichzeitiges Sprechen möglich ist sowie mittels Filtern und Effekten die Erscheinung der Personen verändert werden kann und die Begegnungen somit an Authentizität verlieren. Auch direkter Blickkontakt und Möglichkeiten zu Seitengesprächen (z. B. mit der Tischnachbarin) fehlen (vgl. Susman, 2022). Das wird von vielen Personen als belastend empfunden (vgl. Rump und Brandt, 2020). Fehlende Wahrnehmungsmöglichkeiten von Mimik und Gestik der Teilnehmenden beeinträchtigen zudem unsere Empathiefähigkeit (vgl. Susman, 2022). Eine mangelnde Empathiefähigkeit ist jedoch besonders problematisch, da so die emotionale Betroffenheit der Lernenden nicht wahrgenommen und entsprechend darauf reagiert werden kann.
Wie können digital themenbezogene Emotionen berücksichtigt werden?
Zusätzlich zu den genannten Hürden in der Interaktion und Wahrnehmung in Online-Kursen stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt möglich ist, empathisch auf digitalem Wege auf emotionale Belastungen von Lernenden zu reagieren, wenn solche erkannt werden.
Einerseits gibt es Hinweise darauf, dass es möglich ist, auch online emotionale Themen zu bearbeiten. Es kann für manche Personen sogar einfacher sein, sich bei digitalen Angeboten mit ihren Emotionen auseinanderzusetzen. So erzählt eine Teilnehmerin einer Weiterbildung zum Thema „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch“ in der Studie von König et al. (2015), wie sie in einem Präsenzkurs sehr viel verschlossener mit ihren Emotionen bezüglich der Thematik gewesen wäre. Im Online-Kurs konnte sie sich besser mit ihren Empfindungen auseinandersetzen und profitierte sehr von dem Angebot (vgl. ebd.). Auch Lehr et al. (2014) weisen in ihrer Analyse von Stressbewältigungs-Trainings darauf hin, dass einerseits Präsenztrainings Möglichkeiten bieten, sich gegenseitig zu unterstützen und Perspektiven auszutauschen. Für manche Personen hingegen kann es ein Hemmnis darstellen, sich vor einer Gruppe zu öffnen. Durch digitale Angebote können also Personen erreicht werden, die nicht dazu bereit sind, vor einer Gruppe über ihre Emotionen zu sprechen. Andererseits können digitale Angebote problematisch werden, wenn die betreffende Person nicht die notwendigen Ressourcen hat, um sich alleine mit ihren Emotionen auseinanderzusetzen und benötigte Hilfestellungen in akuten Belastungssituationen aufgrund eines asynchronen Settings erst zeitversetzt zur Verfügung stehen. Konkrete Umsetzungsmöglichkeiten und Designvorschläge für emotionssensitive Lernumgebungen, die themeninduzierte negative Emotionen v. a. in asynchronen Settings berücksichtigen, existieren bisher nicht.
Wenn Emotionen bei der Gestaltung digitaler Lernumgebungen berücksichtigt werden, liegt der Fokus bisher auf leistungsbezogenen Emotionen. So erhalten Lernende z. B. Hinweise zur Aufgabenlösung, es erfolgt eine Anpassung der Schwierigkeit der Lerninhalte oder die Wirkung motivierender Feedbacks durch Intelligente Tutoring Systeme (ITS) werden erforscht, um eine Beeinträchtigung des Lernprozesses durch negative Emotionen entgegenzuwirken (vgl. Calvo et al., 2015; D’Mello et al., 2010). Oder es wird untersucht, wie Lernumgebungen gestaltet werden sollten, um positive, lernfördernde Emotionen wie Flow und Engagement anzuregen (vgl. Cabada et al., 2017; D’Mello & Gasser, 2010). Der Umgang mit themenbezogenen Emotionen spielt bisher hingegen kaum eine Rolle.
Empfehlungen für eine empathische Online-Lehre
Eine Literaturrecherche ergab zudem erste Hinweise auf Aspekte, die in Online-Kursen berücksichtigt werden können, um der emotionalen Beanspruchung der Lernenden entgegenzuwirken oder dieser vorzubeugen.
- Einer dieser Aspekte betrifft bereits die Konzeption des Kurses. Lehrende können bereits hier überlegen, welche Abschnitte (emotional) herausfordernd sein könnten. Im digitalen Raum können Wut, Angst, Trauer oder auch Verwirrung und Überforderung nicht unmittelbar wahrgenommen werden. Daher ist es wichtig, schon im Voraus zu überlegen, wo Schwierigkeiten auftreten könnten. So können manche Schwierigkeiten bereits vorab adressiert werden (vgl. Vann, 2017).
- Zudem ist es relevant, empathisch zu sein, wenn der Eindruck besteht, jemand bringe sich ungenügend in den Kurs sein. Statt sich über mangelnde Teilnahme zu ärgern, wäre es hilfreicher zu überlegen, welche Gründe hierfür eine Rolle spielen können (vgl. Froebus & Holzer, 2022). Handelt es sich etwa um ein emotional aufwühlendes Thema? Hat die Person vielleicht selbst negative Erfahrungen in diesem Kontext gemacht und benötigt Unterstützung?
- Ein guter Kontakt zu Lehrenden ist entscheidend. Daher sollte klar sein, auf welche Weise Kontakt zu den Lehrenden aufgenommen werden kann. Gegebenenfalls könnten regelmäßige Sprechstunden angeboten werden. Insbesondere, wenn der Kurs ausschließlich im digitalen Raum stattfindet, wäre es empfehlenswert durch beispielweise ein Willkommensvideo oder die Nutzung eines Profilbilds eine persönlichere Atmosphäre zu schaffen (vgl. Jiang & Koo, 2020). Auf diese Weise kann eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden, die es den Lernenden ermöglicht, in schwierigen Situationen Kontakt aufzunehmen und Unterstützung von den Lehrenden zu erhalten.
- Schließlich sollte sichergestellt werden, dass den Lernenden ausreichend Möglichkeiten zur Kommunikation zur Verfügung stehen – nicht nur mit Lehrenden, sondern auch mit anderen Lernenden. Denn Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil zum Umgang mit schwierigen Situationen oder Emotionen (vgl. z. B. Fidler, 2004). Da sich einige Teilnehmende im digitalen Raum leichter öffnen können, während für andere eine hohe Hemmschwelle besteht, ist es wichtig, unterschiedliche Kommunikationsformate anzubieten. Einige bevorzugen möglicherweise synchrone Gesprächsformate wie Videokonferenzen, während andere schriftliche Kommunikation bevorzugen, um ihre Gedanken vor dem Versenden länger zu reflektieren (vgl. Meyer, 2003).
Die Berücksichtigung dieser Aspekte bildet den Ausgangspunkt für eine empathische Kursgestaltung, um den emotionalen Bedürfnissen der Lernenden gerecht zu werden und eine positive, lernförderliche Atmosphäre zu schaffen. Lehrende können mithilfe dieser Punkte die eigene Kursgestaltung reflektieren und gegebenenfalls Anpassungen vornehmen.