Praxisbeispiel
11.05.2026

Virtuelle Austauschformate in der digitalen Lehre

Lehrende werden durch eine Plattform mit Lernmaterialien, einer virtual Community of Practice und einen Planungsassistenten bei der Planung und Anbahnung virtueller Austausche unterstützt.

Dauer
2021-2024
Branche
Bildung
Handlung
Handlungsfeld

Ausgangssituation

Während der Covid-19 Pandemie nahm die Bedeutung virtueller Mobilität im Bildungswesen sprunghaft zu. Virtuelle Formate stellten in dieser Zeit oftmals die einzige Möglichkeit dar, internationale Kontakte aufrechtzuerhalten bzw. ein Weiterstudium zu ermöglichen (insbesondere in internationalen Studiengängen). Gleichzeitig fügte sich die Förderung von Internationalisierung durch virtuelle Mobilität nahtlos in die bereits bestehenden digitalen Transformationsprozesse an Hochschulen ein.  

In diesem Zusammenhang sind vor allem virtuelle Austausche (VA, engl. „virtual exchanges“ – VE) von Bedeutung, indem sie virtuelle Mobilität mit mediengestütztem, kollaborativem Arbeiten verbinden. Sie sind flexible Lehr-Lernszenarien, bei denen geographisch getrennte Lernende wie Studierende oder Schülerinnen und Schüler gemeinsam an Aufgaben arbeiten und Projekte umsetzen. Dabei werden sie von ihren jeweiligen Lehrkräften vor Ort betreut und unterstützt. So werden niedrigschwellig nationale und internationale Zusammenarbeit sowie (inter)kulturelle Verständigung gefördert und neue fachliche Perspektiven und Erkenntnisse gewonnen – sowohl bei Lernenden als auch Lehrenden (Nissen & Kurek, 2020; Würffel, 2016).  

Allerdings bringen VEs auch Herausforderungen mit sich: Ein VE setzt einerseits einige konzeptionelle und methodische Kompetenzen bei den Lehrenden voraus, andererseits bestehen organisatorische Hürden, insbesondere sind die Findung von geeigneten Partner:innen und die anschließende Planung aufwendig und ggf. problematisch. Die vorher durchgeführte Bedarfsanalyse bestätigte dies und zeigte zudem, dass VE bis dato vor allem auf Eigeninitiative von einzelnen Lehrenden beruhten, der Mehrwert nicht ausreichend sichtbar war und sie nicht institutionell verankert waren. Ein niedrigschwelliger Zugang zu VE bestand weder inhaltlich noch technisch.  

Die Konzeption und Entwicklung einer Plattformumgebung für virtuelle Austausche als Lösungsansatz adressierte zweierlei Punkte: Erstens sollten durch gezielte Qualifizierungsangebote Lehrende für die Umsetzung von VE in ihren Lehrveranstaltungen befähigt und untereinander vernetzt werden. Zweitens sollte eine nutzendenfreundliche technische Unterstützung bereitgestellt werden, die in Kombination mit „Mein Bildungsraum“ (ehemals „Nationale Bildungsplattform“) einen Werkzeugkasten für die Planung, Anbahnung und Durchführung von VE bietet. Durch dieses Zusammenwirken sollten digitale Lehr- und Lernformate nachhaltig in der Breite etabliert und damit die Internationalisierung der Hochschule gestärkt werden. 

Maßnahmen in der Praxis

Ein iterativer Design Science Research Ansatz (Peffers et al., 2006) wurde gewählt, der basierend auf der Bedarfsanalyse (1. Schritt) Design Principles (DPs) ableitete (2. Schritt). Diese DPs wurden im Rahmen von drei ko-kreativen Workshops im Team erarbeitet. Innerhalb dieser Workshops wurde zusätzlich mit der Customer Journey Analysis Methode (Rosenbaum et al., 2017) gearbeitet, um die Reise von Nutzenden durch die Plattform zu modellieren. Die aus diesem Prozess gewonnenen Erkenntnisse flossen direkt in die Gestaltung der zentralen Features der Plattform ein: die interaktiven Selbstmaterialien, eine virtuelle Community of Practice und einen Planungsassistenten (siehe Ve-Collab). 

Die Plattform wurde als Teil der Förderlinie „Initiative Nationale Bildungsplattform“ (später umbenannt in „Mein Bildungsraum“ bzw. „Digitale Vernetzungsinfrastruktur Bildung“) durch mehrere Schnittstellen an jene angebunden. Vision von Mein Bildungsraum war „ein bundesweiter digitaler Bildungsraum, der Lernende, Lehrende und Bildungsangebote miteinander vernetzt“ (Mein Bildungsraum, 2025). Die entwickelte Plattform trat in diesem Kontext als Service Provider auf und war per Single Sign-On an Mein Bildungsraum angebunden, sodass Nutzende in der Lage sind, sich mit ihrem Mein Bildungsraum-Account auf der Plattform anzumelden. Darüber hinaus wurden die Selbstlernmaterialien mit dem Metadatenraum von Mein Bildungsraum synchronisiert, sodass Inhalte über die Suche auf Mein Bildungsraum auffindbar wurden.  
(Hinweis: Mit Auslaufen der Förderlinie in Q2/2025 und Weiterentwicklung von Mein Bildungsraum durch die SPRIND ist diese Anbindung aktuell nicht möglich.) 

Letztlich, um herauszufinden, ob die Plattform den Bedürfnissen der potenziellen Nutzenden entspricht, wurden eine UI- bzw. UX- Evaluation durchgeführt. Die Forschung betont die Bedeutung von Echtzeit-Evaluationen der UX – statt nur abschließender Befragungen – um relevante Informationen während der Interaktion nicht zu verlieren und so die Qualität von Produkten und Dienstleistungen ganzheitlich bewerten zu können (Maia & Furtado, 2016). Aus diesem Grund wurden Think-Aloud-Interviews mit einer Stichprobe aus zehn Personen durchgeführt, bei denen die Teilnehmenden Aufgabe zu typischen Anwendungsszenarien der Plattform erhielten und gebeten wurden, „laut zu denken“, um Einblick in die bewussten Denkprozesse während der Nutzung zu erhalten (Charters, 2003). Zusätzlich füllten die Interviewten nach Abschluss des Interviews noch den User Experience Questionnaire (UEQ) aus, einer der am häufigsten benutzten standardisierten Fragebögen zur Erfassung klassischer Usability-Aspekte sowie auch Aspekte der UX (Díaz-Oreiro et al., 2019). Dieser umfasst Likert-Skalen zu insgesamt 26 Gegensatzpaaren, die Aufschluss über die Kategorien Attraktivität, Durchschaubarkeit, Effizienz, Steuerbarkeit, Stimulation und Originalität liefern. Die in den Interviews aufgetretenen Probleme und Verbesserungspotenziale wurden anschließend direkt in einen weiteren Entwicklungszyklus überführt und umgesetzt. 

Gelerntes

  • Ständige Re-Evaluation im Designprozess ist essenziell für den Erfolg. Wenn Nutzende Features anders verwenden als geplant, ist es kein Entwicklungsfehler, sondern die Folge unterschiedlicher Bedarfe, die es zu berücksichtigen gilt.
  • Die Konzeption und Entwicklung einer Plattform sind nur ein Teil des Gesamtkonstrukts. Der Aufbau der Community, d. h. die inhaltliche Betreuung, Moderation, Gewinnung neuer Nutzender sind nicht zu unterschätzen. Erst mit einer gewissen kritischen Masse an aktiven Nutzenden trägt sich eine Community fortan von selbst.

Referenzen

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Inhalte dieser Seite sind entstanden im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojektes VE-Collab mit Förderkennzeichen 16INB2032B unter der Autor:innenschaft von Christian Schlecht. In Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig, Herder-Institut, Professur Deutsch als Fremdsprache: Didaktik und Methodik.